Recruiting 2026: Das Netzwerk ist der Königsweg – und die meisten unterschätzen ihn.

Ich erinnere mich noch gut an 1998. Damals schalteten wir Printinserate im Tages-Anzeiger, auf den Alpha-Seiten – 3’500 bis 10’000 Franken pro Inserat, je nach Grösse und Platzierung. Und dann wartete man. Manchmal kamen Bewerbungen, manchmal – im schlimmsten Fall – keine einzige. Das war Recruiting damals: teuer, langsam, und ohne jede Kontrolle über das Ergebnis. 2002, mitten im Wirtschaftseinbruch nach 9/11, drehte der Markt schlagartig ins Gegenteil. Auf eine einzige Stelle meldeten sich plötzlich 300, 400, manchmal 500 Personen innerhalb von Tagen. Das Problem war nicht mehr das Finden, sondern das Filtern. Ich habe beide Extreme erlebt: den leeren Briefkasten und den, der explodiert.

2026 ist die Technologie eine andere. Der blinde Fleck bleibt derselbe.

Heute publizieren Sie eine Stelle mit einem Klick auf 15 bis 20 Plattformen gleichzeitig – LinkedIn, Indeed, Jobs.ch, Facebook, Instagram. Algorithmen übernehmen die Reichweite, in Minuten ist die Stelle weltweit sichtbar. Das ist gut, das gehört zum Handwerk, und es wäre fahrlässig, diese Kanäle nicht zu nutzen. Aber hier ist die Zahl, die viele nicht kennen – oder nicht wahrhaben wollen: Rund 70% aller Stellen werden nie öffentlich ausgeschrieben. Sie werden intern oder über direkte Netzwerkkontakte besetzt, bevor ein Inserat überhaupt entsteht. Und studienübergreifend zeigt sich konsistent, dass 80 bis 85% aller Stellenbesetzungen letztlich über persönliche Netzwerke zustande kommen. Nicht über Portale. Nicht über Algorithmen. Über Vertrauen, Beziehungen und das richtige Gespräch zur richtigen Zeit.

Das Netzwerk ist kein Nice-to-have. Es ist der Königsweg.

Die Person, die Sie für Ihre Schlüsselposition wirklich brauchen, schaut heute wahrscheinlich nicht auf Jobs.ch. Sie ist beschäftigt, sie liefert Resultate, und sie ist genau deshalb nicht aktiv auf Jobsuche. Sie ist aber offen – für das richtige Gespräch, über den richtigen Kanal, von der richtigen Person. Sechs Monate Vakanz auf einer Führungsposition kosten ein Unternehmen schnell 150’000 bis 200’000 Franken, wenn man Produktivitätsverlust, Teambelastung und verpasste Entscheidungen einrechnet. Wer in dieser Situation nur auf eingehende Bewerbungen wartet, verliert wertvolle Zeit.

Und das gilt gleichermassen für Sie als Kandidatin oder Kandidat.

Ich sage das direkt, weil es wichtig ist: Wer ausschliesslich auf Inserate reagiert, steht im Wettbewerb mit Hunderten von Personen auf denselben Plattformen. Die Chancen sind real – aber sie sind klein, und sie sind unpersönlich. Der bessere Weg braucht mehr Mut. Er braucht Überwindung. Denn es bedeutet, aktiv auf Menschen zuzugehen, ohne konkreten Anlass, ohne offene Stelle, ohne den Komfort einer Bewerbungsmaske. Es bedeutet, ein Gespräch zu suchen, bevor man es braucht. Es bedeutet, sichtbar zu sein, bevor jemand nach einem sucht. Statistisch gesehen ist genau das der Weg, der am meisten Erfolg verspricht – und der am wenigsten gegangen wird.

Was mich nach 25 Jahren in diesem Business noch immer fasziniert: Die Technologie hat sich radikal verändert. Der Mensch nicht. Am Ende möchte jede Führungskraft angesprochen, verstanden und begleitet werden – nicht gefiltert, nicht gematcht, nicht mit einem automatisierten Absage-Mail abgespeist. Netzwerke funktionieren, weil Menschen Menschen vertrauen. Das war 1998 so. Das ist 2026 so. Und daran wird sich nichts ändern.

Marc Thurner Inhaber Extendis AG | Executive & Professional Search Zürich · Zug · Schweiz

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