Interviewfrage: „Warum möchten Sie Menschen führen?“ – und warum die Antwort so entscheidend ist.
Letzte Woche sass ich einem Kandidaten gegenüber, der den nächsten Schritt in seiner Karriere machen wollte – eine angehende Führungskraft. Ich stellte meine Lieblingsfrage nach dem Warum, eigentlich ganz banal, und doch entscheidend, um den tiefen Sinn dahinter zu erfahren:
„Warum möchten Sie führen?“
Die Antwort kam ohne zu zögern:
„Ich werde bald Vater und brauche mehr Geld.“
Ein ehrlicher Satz – aber ein fataler Start. Denn mehr Geld darf niemals der primäre Grund sein, weshalb jemand Führung übernehmen möchte. Führung ist kein Karrieresprungbrett. Führung ist eine Verpflichtung. Ein Versprechen an Menschen – nicht an den eigenen Kontostand.
Führen bedeutet Verantwortung – vor allem für Menschen.
Eine Führungskraft muss den inneren Antrieb haben, Verantwortung zu übernehmen. Und Verantwortung heisst:
- gerne mit Menschen arbeiten,
- sie weiterentwickeln,
- Unangenehmes ansprechen,
- konsequent einfordern,
- begleiten, fördern und fordern.
Führung ist kein Titel. Führung ist tägliche Beziehungsarbeit. Und diese gelingt nur, wenn ich ehrlich sagen kann:
„Ich arbeite gerne mit Menschen – auch dann, wenn es schwierig wird.“
Ein ehemaliger Chef von mir hat einmal einen Satz gesagt, der mich bis heute begleitet:
„Als Führungskraft muss man Menschen mögen.“
So einfach. So wahr. So oft vergessen.
70/30 – Ohne Begleitung kein Wachstum
In der Personalentwicklung spricht man gerne von der 70/30-Regel:
Ein Mitarbeiter sollte etwa 70 % eines Jobs schon erfüllen, wenn er den Job startet, und dann die Möglichkeit haben, in die restlichen 30 % hineinwachsen zu können. Eine Person einzustellen, die bereits 100 % erfüllt oder sogar mehr, ist nicht ideal, weil dann die Perspektiven fehlen. Wir Menschen möchten uns entwickeln.
Diese 30 % sind entscheidend. Sie sind der Bereich, in dem Menschen lernen, wachsen, Selbstvertrauen entwickeln. Aber genau dafür brauchen sie jemanden, der ihnen den Rücken stärkt.
Ein Vorbild. Eine Chefin. Ein Leader. Ein Coach.
Jemand, der den Weg kennt. Der Orientierung gibt. Der Feedback schenkt – positiv wie kritisch. Der da ist, wenn es brenzlig wird.
Führung heisst, den Mut eines anderen Menschen zu halten, während er seine Komfortzone verlässt.
H – H – H: Drei Buchstaben mit Kraft
In meiner Offiziersausbildung habe ich ein Führungsprinzip gelernt, das mich bis heute begleitet:
H H H – Härte, Hingabe und Herz.
- Härte bedeutet nicht Kälte. Härte bedeutet Klarheit. Entscheidungen treffen. Position beziehen. „Nein“ sagen, wenn es notwendig ist.
- Hingabe steht für Einsatz. Für Präsenz. Für die Bereitschaft, das Team nicht nur zu führen, sondern zu dienen.
- Herz schliesslich ist das Element, das leider oft unterschätzt wird. Herz bedeutet Menschlichkeit. Empathie. Das echte Interesse am Gegenüber. Herz schafft Vertrauen – und ohne Vertrauen gibt es keine Führung.
Gerade das Herz dürfen wir in unserer Geschäftswelt nicht verlieren. Es ist kein Soft Factor, sondern ein Erfolgsfaktor.
Liebe angehende und auch gestandene Führungskräfte
Überlegen Sie sich gut, was Sie im Interview sagen – und warum Sie führen wollen.
Bei der Frage nach Ihrer Führungsmotivation können Sie gewinnen. Aber Sie können auch viel verlieren.
Am wichtigsten ist jedoch:
Es geht nicht ums Punkte sammeln. Es geht um Haltung.
Es geht darum, tief im Innern führen zu wollen, Menschen zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und anderen zu Erfolg zu verhelfen.
Denn am Ende ist Führung nicht die Antwort auf die Frage:
„Was bringt es mir?“
sondern auf die Frage:
„Was kann ich für andere ermöglichen?“
Herzliche Führungs- und Interviewgrüsse,
Marc Thurner / Inhaber Extendis AG