Der Moment, in dem Führungskräfte stehen bleiben – und warum das selten am Markt liegt

Im Executive Search sehe ich Dinge, die man von innen heraus schlicht nicht sehen kann, weil die Perspektive fehlt und man zu stark Teil des eigenen Systems ist.

Ich spreche täglich mit Führungskräften, Unternehmern und Entscheidern, und zwar nicht in theoretischen Settings oder oberflächlichen Gesprächen, sondern genau in den Momenten, in denen Weichen gestellt werden und Entscheidungen anstehen, die eine Karriere nachhaltig prägen. Wenn man das über Jahre hinweg konsequent beobachtet, entsteht ein klares Muster: Karrieren scheitern nur sehr selten an fehlender Leistung, sondern deutlich häufiger an fehlender Klarheit – und zwar genau in den Momenten, in denen diese Klarheit den grössten Unterschied machen würde.

Der Wendepunkt beginnt selten laut

Interessanterweise kommen die meisten Führungskräfte nicht dann ins Nachdenken, wenn alles offensichtlich schiefläuft oder Druck von aussen entsteht, sondern deutlich früher, in einer Phase, in der objektiv betrachtet vieles noch funktioniert. Die Rolle passt auf dem Papier, die Ergebnisse stimmen, das Umfeld ist stabil – und trotzdem entsteht innerlich eine leise, aber hartnäckige Irritation, die sich oft nicht sofort in Worte fassen lässt. Es sind Gedanken wie: Man entwickelt sich nicht mehr wirklich weiter, etwas fühlt sich nicht mehr stimmig an, oder die Frage taucht auf, ob das bereits alles gewesen sein soll. Das sind keine operativen Fragestellungen, die man mit einem schnellen Entscheid lösen kann, sondern strategische Fragen, die tiefer gehen und genau deshalb häufig aufgeschoben werden.

Warum gerade erfahrene Führungskräfte an diesem Punkt hängen bleiben

Von aussen betrachtet wirkt es manchmal erstaunlich, dass gerade sehr erfahrene und erfolgreiche Führungskräfte an genau diesen Punkten ins Stocken geraten, obwohl sie in anderen Bereichen schnell und klar entscheiden. Der Grund liegt weniger in fehlender Kompetenz als vielmehr darin, dass sie zu nah an der eigenen Situation sind, zu stark in ihren gewohnten Denkmustern agieren und zu sehr innerhalb eines Systems funktionieren, das sie selbst über Jahre aufgebaut haben. Diese Nähe verhindert die nötige Distanz, um Dinge klar zu sehen, und führt dazu, dass sich Gedanken im Kreis drehen, ohne wirklich zu einer belastbaren Entscheidung zu führen. Das ist kein persönliches Defizit, sondern eine strukturelle Grenze von Selbstreflexion, die früher oder später jeden erreicht.

Die teuerste Phase einer Karriere ist oft unsichtbar

Was ich im Markt immer wieder beobachte, ist weniger das Scheitern an einer klar falschen Entscheidung, sondern vielmehr das Verharren in einem Zustand, in dem Entscheidungen hinausgezögert werden, obwohl innerlich längst klar ist, dass sich etwas verändern müsste. Diese Phase wirkt nach aussen oft stabil, ist aber in Wahrheit die teuerste Phase einer Karriere, weil sie schleichend Ressourcen bindet, Energie kostet und Entwicklung verhindert. Monate oder sogar Jahre vergehen in einer Art Zwischenzustand, in dem Leistung zwar erbracht wird, aber ohne echte Fortschritte, während gleichzeitig Chancen vorbeiziehen und die eigene Positionierung an Schärfe verliert. Der Preis dafür ist selten sofort sichtbar, summiert sich aber über die Zeit erheblich.

Warum Klarheit der eigentliche Hebel ist

In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass sich Situationen erstaunlich schnell verändern können, sobald Klarheit entsteht, weil sich damit automatisch Fokus, Energie und Entscheidungsfähigkeit neu ausrichten. Es geht dabei nicht um mehr Motivation oder zusätzliche Disziplin, sondern um eine saubere innere Ausrichtung, die es ermöglicht, konsequent in eine Richtung zu gehen, anstatt Energie in Unsicherheit zu verlieren. Viele Führungskräfte suchen in dieser Phase nach mehr Input, mehr Informationen oder zusätzlichen Optionen, obwohl das eigentliche Problem nicht ein Mangel an Möglichkeiten ist, sondern fehlende Klarheit darüber, welche davon wirklich relevant sind. Und genau diese Klarheit entsteht selten im Alleingang, wenn man sich bereits gedanklich im Kreis bewegt.

Warum ein externer Sparringpartner den Unterschied macht

Die Idee, alles alleine lösen zu müssen, ist tief verankert, insbesondere bei Menschen, die es gewohnt sind, Verantwortung zu tragen und Entscheidungen zu treffen. In der Realität zeigt sich jedoch, dass ein externer Sparringpartner eine Qualität in den Prozess bringt, die intern kaum abgebildet werden kann, weil er weder Teil des Systems ist noch von bestehenden Dynamiken beeinflusst wird. Er bringt eine klare, unabhängige Perspektive ein, hilft dabei, Gedanken zu strukturieren und trennt konsequent zwischen Fakten, Interpretationen und wiederkehrenden Mustern, die sonst unbewusst wirken. Vor allem aber stellt er die Fragen, die man sich selbst oft nicht stellt, entweder weil sie unbequem sind oder weil man die eigene Denklogik nicht verlässt.

Was ich aus dem Executive Search täglich sehe

Durch meine Arbeit sehe ich sehr klar, warum gewisse Profile im Markt sofort weiterkommen, während andere trotz nachweisbarer Leistung stagnieren, und ich erlebe aus erster Hand, wie Entscheider tatsächlich denken und worauf es in kritischen Momenten wirklich ankommt. Dabei wird immer wieder deutlich, dass Karriereentwicklung kein Zufallsprodukt ist, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels von Klarheit, Positionierung und Timing, das aktiv gesteuert werden muss. Genau diese Steuerung fehlt jedoch häufig, weil sie im Alltag untergeht oder durch operative Themen überlagert wird.

Ein ehrlicher Blick auf das Thema Investition

Natürlich ist eine professionelle Standortbestimmung oder ein Sparring auf diesem Niveau mit einer Investition verbunden, was viele zunächst zögern lässt. Was dabei jedoch oft nicht ausreichend berücksichtigt wird, ist die Gegenfrage: Welche Kosten entstehen durch fehlende Klarheit über einen längeren Zeitraum hinweg? Ein Jahr in einer Rolle, die nicht mehr passt, eine verpasste Möglichkeit oder eine zu spät getroffene Entscheidung haben in der Regel deutlich grössere Auswirkungen als die Investition in einen strukturierten Klärungsprozess. Im Sport ist diese Logik längst etabliert, weil klar ist, dass Entwicklung ohne gezielte Begleitung nur begrenzt möglich ist, während sie im Business-Kontext noch immer unterschätzt wird. Die meisten Führungskräfte haben nicht zu wenig Potenzial, sondern verharren zu lange in der Annahme, dass sie die nötige Klarheit alleine erarbeiten müssen, obwohl genau das in vielen Fällen der limitierende Faktor ist. Und genau das sehe ich jeden Tag in meiner Arbeit.

Manchmal reicht ein einziges, gut geführtes Gespräch, um Dinge sauber zu ordnen und eine Richtung zu erkennen, die vorher nicht greifbar war, und manchmal braucht es einen tiefergehenden Prozess, um wirklich nachhaltige Klarheit zu schaffen.

Was jedoch fast immer gleich ist: Sobald diese Klarheit entsteht, setzt eine Dynamik ein, die viele in dieser Geschwindigkeit nicht erwartet hätten. Dinge, die vorher schwer greifbar waren, werden plötzlich einfach, und Entscheidungen, die lange hinausgezögert wurden, fallen mit einer Klarheit, die vorher nicht möglich war.

Wenn du an einem solchen Punkt stehst, brauchst du in der Regel keinen Impuls von aussen, um das zu erkennen – du spürst es längst.

Wenn es Zeit ist, weisst du es.

Marc Thurner
Inhaber Extendis AG

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