Den richtigen Verwaltungsrat finden – worauf es wirklich ankommt

Ein Verwaltungsrat ist kein Repräsentationsposten. Er ist das oberste Führungs- und Aufsichtsorgan Ihres Unternehmens – und in vielen Schweizer KMU der Ort, an dem strategische Weichen gestellt oder verpasst werden. Wer einen VR besetzt, entscheidet nicht über einen Stuhl im Sitzungszimmer, sondern über die Qualität der Entscheidungen der nächsten Jahre. Entsprechend anspruchsvoll ist die Besetzung. Aus unserer Praxis in der Vermittlung sehen wir immer wieder dieselben Erfolgsfaktoren – und dieselben Fehler.

Zuerst die Lücke definieren, nicht die Person
Der häufigste Fehler: Man sucht «jemand Gutes» oder «einen erfahrenen Namen». Das führt zu einem VR, der zwar Eindruck macht, aber nichts beiträgt, was das Gremium nicht schon hat. Bevor Sie suchen, klären Sie die eigentliche Frage: Wo steht das Unternehmen, und welche Kompetenz fehlt am Tisch? Nachfolgeregelung, Internationalisierung, Digitalisierung, Finanzierung, Sanierung – jede Phase verlangt ein anderes Profil. Ein guter VR schliesst eine konkrete Lücke, er füllt nicht einfach einen Sitz.

Kompetenz schlägt Prominenz
Ein bekannter Name im Handelsregister wirkt attraktiv, bringt aber wenig, wenn die Person keine Zeit, kein echtes Interesse oder kein passendes Know-how mitbringt. Entscheidend ist nicht der Bekanntheitsgrad, sondern die Fähigkeit, unbequeme Fragen zu stellen, Geschäftsleitung und Inhaber zu fordern und in kritischen Momenten Haltung zu zeigen. Ein VR, der nur nickt, ist teurer als sein Honorar – weil er Fehlentscheide durchwinkt.

Unabhängigkeit und Diversität als Qualitätsmerkmal
Gerade in inhaber- oder familiengeführten Unternehmen ist Nähe Gift für die Aufsichtsfunktion. Der VR muss die Geschäftsleitung kontrollieren können, nicht ihr nach dem Mund reden. Deshalb braucht es mindestens ein Mitglied mit echter Unabhängigkeit – ohne Abhängigkeiten, Loyalitäten oder verdeckte Interessen. Diversität ist dabei kein Modethema, sondern Risikomanagement: Unterschiedliche Perspektiven – fachlich, branchenmässig, generationell – verhindern blinde Flecken. Ein homogenes Gremium sieht dieselben Chancen und dieselben Gefahren wie die Geschäftsleitung, also zu wenige.

Chemie und Verbindlichkeit entscheiden über die Wirkung
Die beste Qualifikation nützt nichts, wenn die Person nicht ins Gremium passt oder das Mandat nebenher laufen lässt. Zwei Punkte, die in der Selektion oft zu kurz kommen: Erstens die persönliche Passung – teilt der Kandidat die Werte und den Führungsanspruch des Unternehmens, kann er im richtigen Moment Klartext reden, ohne die Zusammenarbeit zu vergiften? Zweitens die Verbindlichkeit – wie viele Mandate hält die Person bereits, wie viel Zeit investiert sie tatsächlich? Ein VR-Mandat ist Arbeit, nicht Ehrenrunde. Wer keine Zeit hat, sollte nicht zusagen.

Haftung und Governance sauber regeln
Ein Verwaltungsrat trägt persönliche Verantwortung – bis hin zur Haftung. Kandidaten wissen das, und gute Kandidaten fragen entsprechend genau nach: Wie ist das Reporting geregelt? Gibt es eine D&O-Versicherung? Wie transparent sind die Finanzen? Wer diese Fragen nicht sauber beantworten kann, schreckt genau die Profile ab, die er eigentlich gewinnen möchte. Klare Governance ist deshalb kein Bürokratie-Thema, sondern ein Rekrutierungsvorteil.

Warum ein strukturierter Suchprozess den Unterschied macht
VR-Positionen werden selten ausgeschrieben – sie werden über Netzwerke besetzt. Das ist bequem, aber gefährlich: Man findet, wen man kennt, nicht unbedingt, wen man braucht. Ein strukturierter, marktbreiter Suchprozess erweitert den Kreis über den eigenen Bekanntenkreis hinaus, bringt Kandidaten ins Spiel, an die man selbst nie gedacht hätte, und schafft Vergleichbarkeit. Ebenso wichtig: Ein externer Partner kann diskret sondieren und heikle Fragen zu Eignung, Verfügbarkeit und Motivation stellen, die im direkten Gespräch schwierig sind.

Unter dem Strich
Die Besetzung eines Verwaltungsrats ist eine der folgenreichsten Personalentscheidungen überhaupt – und keine, die man nebenbei trifft. Es kommt auf vier Dinge an: die richtige Lücke zu definieren, echte Kompetenz statt Prominenz zu suchen, Unabhängigkeit und Passung ernst zu nehmen und den Prozess professionell zu führen. Wer hier sorgfältig vorgeht, gewinnt nicht nur ein Kontrollorgan, sondern einen echten Sparringspartner für die Zukunft des Unternehmens.

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Marc Thurner
Inhaber Extendis AG
Zürich und Zug

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